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3. Die Verwandlungen

Das dritte, wovon wir der Fabel, Parabel, dem Sprichwort und Apolog gegenüber zu sprechen haben, sind die Metamorphosen. Sie sind zwar symbolisch-mythologischer Art, zugleich aber stellen sie dem Geistigen das Natürliche ausdrücklich gegenüber, indem sie einem natürlich Vorhandenen, einem Felsen, Tiere, einer Blume, Quelle die Bedeutung geben, ein Herunterkommen und eine Strafe geistiger Existenzen zu sein: der Philomele z. B., der Pieriden, des Narziß, der Arethusa, welche durch einen Fehltritt, eine Leidenschaft, ein Verbrechen in unendliche Schuld oder einen unendlichen Schmerz verfallen, der Freiheit des geistigen Lebens verlustig und zu einem nur natürlichen Dasein geworden sind.

Einerseits also wird hier das Natürliche nicht nur äußerlich und prosaisch als bloßer Berg,
Quell, Baum betrachtet, sondern es wird ihm ein Inhalt gegeben, der einer vom Geist ausgehenden Handlung oder Begebenheit angehört. Der Felsen ist nicht nur Stein, sondern Niobe, die um ihre Kinder weint. Andererseits ist diese menschliche Tat irgendeine Schuld und die Verwandlung zur bloßen Naturerscheinung als eine Degradation des Geistigen zu nehmen.

Wir müssen deshalb diese Verwandlungen menschlicher Individuen und Götter zu Naturdingen sehr wohl von der eigentlichen unbewußten Symbolik unterscheiden. In Ägypten wird teils in der geheimnisreichen, verschlossenen Innerlichkeit des tierischen Lebens unmittelbar das Göttliche angeschaut, teils ist das eigentliche Symbol eine Naturgestalt, welche mit einer weiteren, verwandten Bedeutung, obschon sie nicht deren wirkliches adäquates Dasein ausmachen soll, dennoch unmittelbar zusammengeschlossen wird, weil die unbewußte Symbolik ein noch nicht zum Geistigen, der Form wie dem Inhalt nach, befreites Anschauen ist. Die Verwandlungen dagegen machen die wesentliche Unterscheidung des Natürlichen und Geistigen und bilden in dieser Rücksicht den Übergang aus dem Symbolisch-Mythologischen in das eigentlich Mythologische, wenn wir letzteres nämlich so fassen, daß es in seinen Mythen zwar von einem konkreten Naturdasein, der Sonne, dem Meer, den Flüssen, Bäumen, der Befruchtung, der Erde ausgeht, doch dies bloß Natürliche sodann ausdrücklich ausscheidet, indem es den inneren Gehalt der natürlichen Erscheinungen herausnimmt und als eine vergeistigte Macht zu menschlich im Inneren und Äußeren gestalteten Göttern kunstgemäß individualisiert; wie Homer und Hesiod erst den Griechen ihre Mythologie gegeben haben, und zwar nicht als bloße Bedeutung der Götter, nicht als Darlegung moralischer, physikalischer, theologischer oder spekulativer Lehren, sondern die Mythologie als solche, den Anfang geistiger Religion in menschlicher Gestaltung.

In Ovids Metamorphosen ist außer der ganz modernen Behandlung des Mythischen das Heterogenste miteinander vermischt; außer den Verwandlungen, welche bloß als eine Art von mythischer Darstellung überhaupt gefaßt werden könnten, hebt sich der spezifische Standpunkt dieser Form insbesondere in denjenigen Erzählungen hervor, worin solche Gestaltungen, die gewöhnlich als symbolisch oder bereits auch ganz als mythisch aufgenommen sind, zu Metamorphosen verwandelt erscheinen und das sonst Vereinigte in den Gegensatz von Bedeutung und Gestalt und in den Übergang des einen in das andere gebracht ist.
So z. B. wird das phrygische, ägyptische Symbol, der Wolf, von seiner innewohnenden Bedeutung so abgetrennt, daß dieselbe zu einer vorhergehenden Existenz, wenn nicht der Sonne, doch eines Königs gemacht und die Wolfsexistenz als Folge einer Tat jener menschlichen Existenz vorgestellt wird. So sind auch im Gesang der Pieriden die ägyptischen Götter, der Widder, die Katze als solche Tiergestalten vorgestellt, in welche sich die mythischen griechischen Götter Jupiter, Venus usf. aus Angst versteckt haben.
Die Pieriden selber aber zur Strafe, daß sie mit ihrem Gesange den Musen zum Wettkampf gegenüberzutreten wagten, wurden in Spechte verwandelt.

Nach der anderen Seite hin müssen die Verwandlungen, um der näheren Bestimmung willen, welche der Inhalt, der die Bedeutung ausmacht, in sich trägt, ebensosehr auch von der Fabel unterschieden werden. In der Fabel nämlich ist die Verknüpfung des moralischen Satzes mit der natürlichen Begebenheit eine harmlose Verbindung, welche an dem Natürlichen nicht den vom Geist unterschiedenen Wert, ein nur Natürliches zu sein, hervorkehrt und so erst in die Bedeutung hereinnimmt. Obschon es auch einzelne Äsopische Fabeln gibt, die mit geringer Änderung zu Metamorphosen würden, wie z. B. die 42. Fabel von der Fledermaus, dem Dornstrauch und dem Taucher, deren Instinkte aus dem Unglücke in früheren Unternehmungen erklärt werden.

Hiermit haben wir diesen ersten Kreis der vergleichenden Kunstform, der seinen Ausgangspunkt von dem Vorhandenen und der konkreten Erscheinung nimmt, um von hier aus zu einer weiteren darin veranschaulichten Bedeutung fortzuschreiten, durchwandert.

 

B. Vergleichungen, welche in der Verbildlichung mit der Bedeutung den Anfang machen

Wenn in dem Bewußtsein die Trennung von Bedeutung und Gestalt die vorausgesetzte Form ist, innerhalb welcher die Beziehung beider vor sich gehen soll, so kann und muß bei der Selbständigkeit der einen wie der anderen Seite nicht nur von dem äußerlich Existierenden, sondern ebensosehr umgekehrt von dem innerlich Vorhandenen, den allgemeinen Vorstellungen, Reflexionen, Empfindungen, Grundsätzen begonnen werden. Denn dies Innerliche ist gleichfalls, wie die Bilder der Außendinge, ein im Bewußtsein Vorhandenes und geht in seiner Unabhängigkeit von dem Äußerlichen von sich selber aus. Ist nun die Bedeutung in dieser Weise das Anfangende, so erscheint der Ausdruck, die Realität, als das Mittel, das aus der konkreten Welt herbeigenommen wird, um die Bedeutung als den abstrakten Inhalt vorstellig, anschaulich und sinnlich bestimmt zu machen.

Bei der wechselseitigen Gleichgültigkeit jeder Seite gegen die andere ist aber, wie wir bereits früher sahen, ihr Zusammenhang, in den beide gesetzt werden, kein an und für sich notwendiges Zueinandergehören und die Bezogenheit deshalb, da sie nicht objektiv in der Sache selbst liegt, etwas subjektiv Gemachtes, das diesen subjektiven Charakter nun auch nicht mehr verbirgt, sondern durch die Art der Darstellung zu erkennen gibt.
Die absolute Gestalt hat den Zusammenhang von Inhalt und Form, Seele und Leib als konkrete
Beseelung, als an und für sich in der Seele wie in dem Leibe, in dem Inhalt wie in der Form begründete Vereinigung beider. Hier aber ist das Auseinanderliegen der Seiten die Voraussetzung und deshalb ihr Zusammentreten eine bloß subjektive Verlebendigung der Bedeutung durch eine ihr äußere Gestalt und eine ebenso subjektive Deutung eines realen Daseins durch die Beziehung derselben auf die sonstigen Vorstellungen, Empfindungen und Gedanken des Geistes.
Daher zeigt sich denn auch hauptsächlich in diesen Formen die subjektive Kunst des
Poeten als des Machenden, und in vollständigen Kunstwerken läßt sich hauptsächlich nach dieser Seite hin sondern, was der Sache und ihrer notwendigen Gestaltung zugehört und was der Dichter als Schmuck und Zierat hinzugetan hat. Diese leicht erkennbaren Zutaten, vornehmlich die Bilder, Gleichnisse, Allegorien, Metaphern sind es, um derentwillen man ihn gewöhnlich am meisten kann rühmen hören, wobei ein Teil des Lobes auch wieder auf die Scharfsicht und Verschmitztheit gleichsam, den Dichter herausgefunden und ihn in seinen eigenen subjektiven Erfindsamkeiten bemerkt zu haben, zurückfallen soll. An echten Kunstwerken dürfen jedoch die hierher gehörigen Formen, wie schon gesagt ist, als ein bloßes Beiwesen beihergehen, obschon man in vormaligen Poetiken diese Nebendinge insbesondere als die dichterischen Ingredienzien behandelt findet.

Wenn nun aber zunächst die beiden zu verknüpfenden Seiten allerdings gegeneinander gleichgültig sind, so muß dennoch zur Rechtfertigung des subjektiven Beziehens und Vergleichens die Gestalt ihrem Inhalt nach dieselben Verhältnisse und Eigenschaften in verwandter Weise in sich schließen, welche die Bedeutung in sich hat, indem das Auffassen dieser Ähnlichkeit der einzige Grund ist, die Bedeutung gerade mit dieser bestimmten Gestalt zusammenzustellen und jene vermittels dieser zu verbildlichen.

Endlich, da nicht von der konkreten Erscheinung angefangen wird, aus der sich eine Allgemeinheit soll abstrahieren lassen, sondern umgekehrt von dieser Allgemeinheit selber, die sich in einem Bilde abspiegeln soll, so gewinnt die Bedeutung die Stellung, nun auch wirklich als der eigentliche Zweck hervorzuscheinen und das Bild als ihr Veranschaulichungsmittel zu beherrschen.

Als die nähere Folge, in der wir die besonderen Arten, welche in diesem Kreise zu nennen sind, besprechen können, ist nachstehende anzugeben:

erstens, als der vorigen Stufe am meisten verwandt, haben wir das Rätsel zu besprechen;

zweitens die Allegorie, in welcher hauptsächlich die Herrschaft der abstrakten Bedeutung über die äußere Gestalt zum Vorschein kommt;

drittens die eigentliche Vergleichung: Metapher, Bild und Gleichnis.

 

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