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manfred herok©phil-splitter 2007-10

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Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Vorlesungen über die Ästhetik
(1835-1838)

A. Der Pantheismus der Kunst

Mit dem Worte Pantheismus ist man jetziger Zeit sogleich den gröbsten Mißverständnissen ausgesetzt. Denn auf der einen Seite bedeutet "alles" in unserem modernen Sinne: alles und jedes in seiner ganz empirischen Einzelheit; diese Dose z. B. nach allen ihren Eigenschaften, von dieser Farbe, soundso groß, so geformt, so schwer usf., oder jenes Haus, Buch, Tier,
jener Tisch, Stuhl, Ofen, Wolkenstreif usf. Behaupten nun manche heutigen Theologen von
der Philosophie, sie mache alles zu Gott, so ist, in dem eben berührten Sinne des Worts genommen, dies Faktum, welches der Philosophie aufgebürdet, und damit auch die Anklage, welche deshalb gegen sie erhoben wird, ganz und gar falsch.
Eine solche Vorstellung von Pantheismus kann nur in verrückten Köpfen entstehen und findet sich weder in irgendeiner Religion, selbst nicht einmal bei den Irokesen und Eskimos,
noch in irgendeiner Philosophie.
Das Alles in dem, was man Pantheismus genannt hat, ist daher nicht dieses oder jenes Einzelne, sondern vielmehr das Alles im Sinne des All, d. h. des einen Substantiellen, das zwar immanent ist in den Einzelheiten, aber mit Abstraktion von der Einzelheit und deren empirischer Realität, so daß nicht das Einzelne als solches, sondern die allgemeine Seele oder, populärer ausgedrückt, das Wahre und Vortreffliche, welches auch in diesem Einzelnen eine Gegenwart hat, herausgehoben und gemeint ist.

Dies macht die eigentliche Bedeutung des Pantheismus aus, und in dieser Bedeutung allein haben wir hier von ihm zu sprechen. Er gehört vornehmlich dem Morgenlande an,
das den Gedanken einer absoluten Einheit des Göttlichen und aller Dinge als in dieser Einheit auffaßt.
Als Einheit und All nun kann das Göttliche nur zum Bewußtsein kommen durch das Wiederverschwinden der aufgezählten Einzelheiten, in denen es als gegenwärtig ausgesprochen wird. Einerseits also ist hier das Göttliche vorgestellt als immanent in den verschiedensten Gegenständen, und näher zwar als das Vorzüglichste und Hervorragendste unter und in den verschiedenen Existenzen; andererseits aber, indem das Eine dieses und anderes und wieder anderes ist und sich in allem herumwirft, erscheinen ebendadurch die Einzelheiten und Partikularitäten als aufgehobene und verschwindende; denn nicht jedes Einzelne ist dies Eine, sondern das Eine ist diese gesamten Einzelheiten, welche für die Anschauung in die Gesamtheit aufgehen.
Denn ist das Eine z. B. das Leben, so ist es auch wieder der Tod - und damit eben nicht nur Leben -, so daß also das Leben oder die Sonne, das Meer nicht als Leben, Meer oder Sonne das Göttliche und Eine ausmachen. Zugleich aber ist hier noch nicht, wie in der eigentlichen Erhabenheit, das Akzidentelle ausdrücklich als negativ und dienend gesetzt, sondern die Substanz wird im Gegenteil, da sie in allem Besonderen diese Eine ist, an sich zu einem Besonderen und Akzidentellen; dies Einzelne jedoch umgekehrt - da es ebensosehr wechselt und die Phantasie die Substanz nicht auf ein bestimmtes Dasein beschränkt, sondern über jede Bestimmtheit, um zu einer anderen weiterzuschreiten, fortgeht und sie fallenläßt - wird damit seinerseits zu dem Akzidentellen, über welches die eine Substanz hinweggehoben und dadurch erhaben ist.

Eine solche Anschauungsweise vermag sich deshalb auch künstlerisch nur durch die Dichtkunst auszusprechen, nicht durch die bildenden Künste, welche das Bestimmte und Einzelne, das sich gegen die in dergleichen Existenzen vorhandene Substanz auch aufgeben soll, nur als daseiend und verharrend vor Augen bringen. Wo der Pantheismus rein ist, gibt es keine bildende Kunst für die Darstellungsweise desselben.

 

1. Indische Poesie

Als erstes Beispiel solcher pantheistischen Poesie können wir wiederum die indische anführen, welche neben ihrer Phantastik auch diese Seite glänzend ausgebildet hat.

Die Inder, wie wir sahen, haben zur obersten Gottheit die abstrakteste Allgemeinheit und Einheit, die sodann zwar zu bestimmten Göttern, dem Trimurti, Indra usw. fortgeht,
das Bestimmte aber nicht festhält, sondern ebensosehr die unteren Götter wieder in die oberen sowie diese in Brahman zurückgehen läßt.
Darin schon zeigt sich, daß dies Allgemeine die eine sich gleichbleibende Grundlage von allem ausmache; und wenn die Inder allerdings in ihrer Poesie das gedoppelte Streben zeigen,
die einzelne Existenz, damit sie in ihrer Sinnlichkeit schon der allgemeinen Bedeutung gemäß erscheine, zu übertreiben oder umgekehrt gegen die eine Abstraktion alle Bestimmtheit auf ganz negative Weise fahrenzulassen, so kommt doch auf der anderen Seite auch bei ihnen die reinere Darstellungsweise des eben angedeuteten Pantheismus vor, welcher die Immanenz des Göttlichen in dem für die Anschauung vorhandenen und schwindenden Einzelnen heraushebt. Man könnte zwar in dieser Auffassungsweise mehr eine Ähnlichkeit mit jener unmittelbaren Einheit des reinen Gedankens und des Sinnlichen, welche wir bei den Parsen antrafen, wiederfinden wollen; bei den Parsen aber ist das Eine und Vortreffliche, für sich festgehalten, selbst ein Natürliches, das Licht; bei den Indern dagegen ist das Eine, Brahman, nur das gestaltlose Eine, das erst umgestaltet zur unendlichen Mannigfaltigkeit der Welterscheinungen die pantheistische Darstellungsweise veranlaßt.

So heißt es z. B. von Krischna (Bhagawadgita, Lect. VII, Sl. 4 ff.):
"Erde, Wasser und Wind, Luft und Feuer, der Geist, Verstand und die Ichheit sind die acht Stücke meiner Wesenskraft; doch ein anderes an mir, ein höheres Wesen erkenne du, welches das Irdische belebt, die Welt trägt: in ihm haben alle Wesen den Ursprung; so wisse du,
ich bin dieses ganzen Weltalls Ursprung und auch die Vernichtung; außer mir gibt es kein Höheres, an mir ist dieses All geknüpft wie am Faden die Perlenreihen, ich bin der Geschmack im Flüssigen, ich bin in der Sonne und im Monde Glanz, das mystische Wort in den heiligen Schriften, im Manne die Mannheit, der reine Geruch in der Erde, der Glanz in den Flammen,
in allen Wesen das Leben, die Beschauung in den Büßenden, im Lebendigen die Lebenskraft, im Weisen die Weisheit, im Glänzenden der Glanz; welche Naturen wahrhaft sind, scheinbar und finster sind, sind aus mir, nicht bin ich in ihnen, sondern sie in mir.
Durch die Täuschung dieser drei Eigenschaften ist alle Welt betört und verkennt mich,
der unwandelbar ist; aber auch die göttliche Täuschung, die Maya, ist meine Täuschung,
die schwer zu überschreiten; die mir folgen aber, schreiten über die Täuschung fort.
" Hier ist solch eine substantielle Einheit aufs frappanteste ausgesprochen, sowohl in Rücksicht auf die Immanenz im Vorhandenen als auch in betreff auf das Hinwegschreiten über das Einzelne.

In ähnlicher Weise sagt Krischna von sich aus, er sei in allen unterschiedenen Existenzen immer das Vortrefflichste (Lect. VII, Sl. 21.):
"Unter den Gestirnen bin ich die strahlende Sonne, unter den lunarischen Zeichen der Mond, unter den heiligen Büchern das Buch der Hymnen, unter den Sinnen das Innere, Meru unter den Gipfeln der Berge, unter den Tieren der Löwe, unter den Buchstaben bin ich der Vokal A, unter den Jahreszeiten der blühende Frühling" usf.

Dieses Aufzählen nun aber des Vortrefflichsten sowie der bloße Wechsel der Gestalten, in denen nur immer wieder ein und dasselbe soll zur Anschauung gebracht werden,
welch ein Reichtum der Phantasie sich zunächst auch darin auszubreiten scheint,
bleibt dennoch eben dieser Gleichheit des Inhalts wegen höchst monoton und im ganzen leer und ermüdend.

 

2. Mohammedanische Poesie

In höherer und subjektiv freierer Weise zweitens ist der orientalische Pantheismus im Mohammedanismus besonders von den Persern ausgebildet worden.

Hier tritt nun hauptsächlich von seiten des dichtenden Subjekts ein eigentümliches Verhältnis ein.

a) Indem sich nämlich der Dichter das Göttliche in allem zu erblicken sehnt und es wirklich erblickt, gibt er nun auch sein eigenes Selbst dagegen auf, faßt aber ebensosehr die Immanenz des Göttlichen in seinem so erweiterten und befreiten Inneren auf, und dadurch erwächst ihm jene heitere Innigkeit, jenes freie Glück, jene schwelgerische Seligkeit, welche dem Orientalen eigen ist, der sich bei der Lossagung von der eigenen Partikularität durchweg in das Ewige und Absolute versenkt und in allem das Bild und die Gegenwart des Göttlichen erkennt und empfindet.
Solch ein Sichdurchdringen vom Göttlichen und beseligtes trunkenes Leben in Gott streift an die Mystik an. Vor allem ist in dieser Beziehung Dschelad ed-Din Rumi zu rühmen, von dem Rückert uns die schönsten Proben in seiner bewunderungswürdigen Gewalt über den Ausdruck geliefert hat, welche ihm aufs kunstreichste und freieste mit Worten und Reimen, wie es die Perser gleichfalls tun, zu spielen erlaubt.
Die Liebe zu Gott, mit dem der Mensch sein Selbst durch die schrankenloseste Hingebung identifiziert und ihn, den Einen, nun in allen Welträumen erschaut,
alles und jedes auf ihn bezieht und zu ihm zurückführt, macht hier den Mittelpunkt aus,
der sich aufs weiteste nach allen Seiten und Regionen hin expandiert.

b) Wenn nun ferner in der eigentlichen Erhabenheit, wie es sich sogleich zeigen wird,
die besten Gegenstände und herrlichsten Gestaltungen nur als ein bloßer Schmuck Gottes gebraucht werden und zur Verkündigung der Pracht und Verherrlichung des Einen dienen, indem sie nur vor unsere Augen gestellt sind, um ihn als Herrn aller Kreaturen zu feiern,
so erhebt dagegen im Pantheismus die Immanenz des Göttlichen in den Gegenständen das weltliche, natürliche und menschliche Dasein selber zur eigenen, selbständigeren Herrlichkeit. Das Selbstleben des Geistigen in den Naturerscheinungen und in den menschlichen Verhältnissen belebt und begeistigt dieselben in ihnen selber und begründet wiederum ein eigentümliches Verhältnis der subjektiven Empfindung und Seele des Dichters zu den Gegenständen, die er besingt. Erfüllt von dieser beseelten Herrlichkeit, ist das Gemüt in sich selber ruhig, unabhängig, frei, selbständig, weit und groß; und bei dieser affirmativen Identität mit sich imaginiert und lebt es sich nun auch zu der gleichen ruhigen Einheit in die Seele der Dinge hinein und verwächst mit den Gegenständen der Natur und ihrer Pracht, mit der Geliebten, dem Schenken, überhaupt mit allem, was des Lobes und der Liebe wert ist,
zur seligsten, frohsten Innigkeit.

Die okzidentalische, romantische Innigkeit des Gemüts zeigt zwar ein ähnliches Sicheinleben, aber ist im ganzen besonders im Norden mehr unglückselig, unfrei und sehnsüchtig oder bleibt doch subjektiver in sich selbst beschlossen und wird dadurch selbstsüchtig und empfindsam. Solche gedrückte, trübe Innigkeit spricht sich besonders in den Volksliedern barbarischer Völker aus.
Die freie glückliche Innigkeit dagegen ist den Orientalen, hauptsächlich den mohammedanischen Persern eigen, die offen und froh ihr ganzes Selbst wie an Gott so auch allem Preiswürdigen hingeben, doch in dieser Hingebung gerade die freie Substantialität erhalten,
die sie sich auch im Verhältnis zu der umgebenden Welt zu bewahren wissen.
So sehen wir in der Glut der Leidenschaft die expansivste Seligkeit und Parrhesie des Gefühls, durch welche bei dem unerschöpflichen Reichtum an glänzenden und prächtigen Bildern der stete Ton der Freude, der Schönheit und des Glückes klingt. Wenn der Morgenländer leidet und unglücklich ist, so nimmt er es als unabänderlichen Spruch des Schicksals hin und bleibt dabei sicher in sich, ohne Gedrücktheit, Empfindsamkeit oder verdrießlichen Trübsinn.
In Hafis' Gedichten finden wir Klage und Jammer genug über die Geliebte, den Schenken usf., aber auch im Schmerze bleibt er gleich sorgenlos als im Glück. So sagt er z. B. einmal:

Aus Dank, weil dich die Gegenwart
Des Freunds erhellt,
Verbrenn der Kerze gleich im Weh
Und sei vergnügt.

Die Kerze lehrt lachen und weinen, sie lacht heiteren Glanzes durch die Flamme, wenn sie zugleich in heißen Tränen zerschmilzt; in ihrem Verbrennen verbreitet sie den heiteren Glanz. Dies ist auch der allgemeine Charakter dieser ganzen Poesie.

Um einige speziellere Bilder anzuführen, so haben es die Perser viel mit Blumen und Edelsteinen, vornehmlich aber mit der Rose und Nachtigall zu tun. Besonders geläufig ist es ihnen, die Nachtigall als Bräutigam der Rose darzustellen.
Diese Beseelung der Rose und Liebe der Nachtigall kommt z. B. bei Hafis häufig vor.
"Aus Dank, Rose, daß du die Sultanin der Schönheit bist", sagt er,
"gewähr es, nicht stolz zu sein gegen die Liebe der Nachtigall."
Er selber spricht von der Nachtigall seines eigenen Gemüts.
Sprechen wir dagegen in unseren Gedichten von Rosen, Nachtigallen, Wein, so geschieht es in ganz anderem, prosaischerem Sinn; uns dient die Rose als Schmuck: "bekränzt mit Rosen" usf., oder wir hören die Nachtigall und empfinden ihr nach, trinken den Wein und nennen ihn Sorgenbrecher. Bei den Persern aber ist die Rose kein Bild oder bloßer Schmuck, kein Symbol, sondern sie selbst erscheint dem Dichter als beseelt, als liebende Braut, und er vertieft sich mit seinem Geist in die Seele der Rose.

Denselben Charakter eines glänzenden Pantheismus zeigen auch noch die neuesten persischen Gedichte. Herr von Hammer 1)z. B. hat über ein Gedicht Nachricht erteilt, das unter sonstigen Geschenken des Schahs im Jahre 1819 dem Kaiser Franz ist übersendet worden.
Es enthält in 33 000 Distichen die Taten des Schahs, der dem Hofpoeten seinen eigenen Namen gegeben hat.

c) Auch Goethe ist, seinen trüberen Jugendgedichten und ihrer konzentrierten Empfindung gegenüber, im späteren Alter von dieser weiten, kummerlosen Heiterkeit ergriffen worden und hat sich als Greis noch, durchdrungen vom Hauch des Morgenlandes, in der poetischen Glut des Blutes voll unermeßlicher Seligkeit zu dieser Freiheit des Gefühls hinübergewendet, welche selbst in der Polemik die schönste Unbekümmertheit nicht verliert.
Die Lieder seines Westöstlichen Divans sind weder spielend noch unbedeutende gesellschaftliche Artigkeiten, sondern aus solch einer freien, hingebenden Empfindung hervorgegangen. Er selber nennt sie in einem Lied an Suleika 2)

Dichtrische Perlen,
Die mir deiner Leidenschaft
Gewaltige Brandung
Warf an des Lebens
Verödeten Strand aus.
Mit spitzen Fingern
Zierlich gelesen,
Durchreiht mit juwelenem
Goldschmuck,

nimm sie, ruft er der Geliebten zu,

Nimm sie an deinen Hals,
An deinen Busen!
Die Regentropfen Allahs,
Gereift in bescheidener Muschel.

Zu solchen Gedichten bedurfte es eines zur größten Breite erweiterten, in allen Stürmen selbstgewissen Sinnes, einer Tiefe und Jugendlichkeit des Gemüts und

Einer Welt von Lebenstrieben,
Die in ihrer Fülle Drang
Ahneten schon Bulbuls Lieben,
Seelerregenden Gesang.  3)

1)  Joseph von Hammer-Purgstall, 1774-1856, Orientalist

2) Buch Suleika, "Die schön geschriebenen ... "

3) Buch des Timur, "An Suleika"

 

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