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2. Die griechische Kunst als wirkliches Dasein des klassischen Ideals

Was die historische Verwirklichung des Klassischen angeht, so ist kaum zu bemerken nötig,
daß wir sie bei den Griechen aufzusuchen haben.
Die klassische Schönheit mit ihrem unendlichen Umfange des Gehalts, Stoffes und der Form ist das dem griechischen Volke zugeteilte Geschenk gewesen, und wir müssen dies Volk dafür ehren,
daß es die Kunst in ihrer höchsten Lebendigkeit hervorgebracht hat.
Die Griechen, ihrer unmittelbaren Wirklichkeit nach, lebten in der glücklichen Mitte der selbstbewußten subjektiven Freiheit und der sittlichen Substanz.
Sie beharrten weder in der unfreien morgenländischen Einheit, die einen religiösen und politischen Despotismus zur Folge hat, indem das Subjekt selbstlos in der einen allgemeinen Substanz oder in irgendeiner besonderen Seite derselben untergeht, weil es in sich als Person kein Recht und dadurch keinen Halt hat; noch gingen sie zu jener subjektiven Vertiefung fort, in welcher das einzelne Subjekt sich abtrennt von dem Ganzen und Allgemeinen, um seiner eigenen Innerlichkeit nach für sich zu sein, und nur durch eine höhere Rückkehr in die innere Totalität einer rein geistigen Welt zur Wiedervereinigung mit dem Substantiellen und Wesentlichen gelangt,
- sondern im griechischen sittlichen Leben war das Individuum zwar selbständig und frei in sich, ohne sich jedoch von den vorhandenen allgemeinen Interessen des wirklichen Staates und der affirmativen Immanenz der geistigen Freiheit in der zeitlichen Gegenwart loszulösen.
Das Allgemeine der Sittlichkeit und die abstrakte Freiheit der Person im Inneren und Äußeren bleibt dem Prinzip des griechischen Lebens gemäß in ungetrübter Harmonie, und zu der Zeit, in welcher sich auch im wirklichen Dasein dies Prinzip in noch unversehrter Reinigkeit geltend machte, trat die Selbständigkeit des Politischen gegen eine davon unterschiedene subjektive Moralität nicht hervor; die Substanz des Staatslebens war ebenso in die Individuen versenkt, als diese ihre eigene Freiheit nur in den allgemeinen Zwecken des Ganzen suchten.
- Die schöne Empfindung, der Sinn und Geist dieser glücklichen Harmonie durchzieht alle Produktionen, in welchen die griechische Freiheit sich bewußt geworden ist und ihr Wesen sich vorgestellt hat. Daher ist ihre Weltanschauung eben die Mitte, in welcher die Schönheit ihr wahres Leben beginnt und ihr heiteres Reich aufschlägt; die Mitte freier Lebendigkeit,
die nicht nur unmittelbar und natürlich da ist, sondern aus der geistigen Anschauung erzeugt,
durch die Kunst verklärt wird; die Mitte einer Bildung der Reflexion und zugleich einer Reflexionslosigkeit, welche das Individuum weder isoliert, noch aber auch dessen Negativität, Schmerz, Unglück zur positiven Einheit und Versöhnung zurückzubringen vermag; eine Mitte,
die jedoch, wie das Leben überhaupt, zugleich nur ein Durchgangspunkt ist, wenn sie auch auf diesem Durchgangspunkte den Gipfel der Schönheit ersteigt und in der Form ihrer plastischen Individualität so geistig-konkret und reich ist, daß alle Töne in sie hineinspielen und auch das für ihren Standpunkt Vergangene, wenn auch nicht mehr als Absolutes und Unbedingtes, doch noch als eine Nebenseite und als Hintergrund vorkommt.
- In diesem Sinne hat sich das griechische Volk auch in den Göttern seinen Geist zum sinnlichen, anschauenden, vorstellenden Bewußtsein gebracht und ihnen durch die Kunst ein Dasein gegeben, welches dem wahren Inhalte vollkommen gemäß ist. Dieses Entsprechens wegen, das sowohl im Begriff der griechischen Kunst als der griechischen Mythologie liegt, ist in Griechenland die Kunst der höchste Ausdruck für das Absolute gewesen, und die griechische Religion ist die Religion der Kunst selber, während die spätere romantische Kunst, obwohl sie Kunst ist, dennoch schon auf eine höhere Form des Bewußtseins, als die Kunst zu geben imstande ist, hindeutet.

 

3. Stellung des produzierenden Künstlers in der klassischen Kunstform

Wenn wir nun bisher auf der einen Seite als den Gehalt des Klassischen die in sich freie Individualität festsetzten und auf der anderen Seite auch für die Gestalt die gleiche Freiheit
forderten, so liegt hierin schon, daß die gänzliche Verschmelzung beider, wie sehr sie sich auch als Unmittelbarkeit darstellen mag, dennoch keine erste und somit natürliche Einheit sein kann,
sondern sich als eine gemachte, vom subjektiven Geist zustande gebrachte Verknüpfung erweisen muß.
Die klassische Kunst, insofern ihr Inhalt und ihre Form das Freie ist, entspringt nur aus der Freiheit des sich selbst klaren Geistes.
Dadurch erhält nun auch drittens der Künstler eine von der früheren verschiedene Stellung.
Seine Produktion nämlich zeigt sich als das freie Tun des besonnenen Menschen, der ebensosehr weiß, was er will, als er kann, was er will, und der sich also weder in Ansehung der Bedeutung und des substantiellen Gehalts, den er zur Anschauung herauszugestalten gedenkt, unklar ist, noch sich durch irgendein technisches Unvermögen in der Ausführung gehindert findet.

Werfen wir einen näheren Blick auf diese veränderte Stellung des Künstlers, so bekundet sich seine Freiheit

a) in betreff auf den Inhalt dadurch, daß er denselben nicht mit der unruhigen symbolischen Gärung zu suchen nötig hat. Die symbolische Kunst bleibt in der Arbeit befangen, sich ihren Gehalt erst zu produzieren und klarzumachen, und dieser Gehalt ist selber nur der erste, d. h. auf der einen Seite das Wesen in unmittelbarer Form der Natürlichkeit, auf der anderen die innere Abstraktion des Allgemeinen, Einen, der Veränderung, des Wechsels, Werdens, Entstehens und Wiedervergehens. 
Auf das erste Mal aber findet man nicht das Rechte.
Deshalb bleiben die Darstellungen der symbolischen Kunst, welche Expositionen des Inhalts sein sollten, selber noch Rätsel und Aufgaben und zeugen nur von dem Ringen nach Klarheit und von dem Streben des Geistes, der fort und fort, ohne Rast und Ruhe zu finden, erfindet.
Diesem trüben Suchen gegenüber muß für den klassischen Künstler der Inhalt schon fertig vorhanden, gegeben sein, so daß er in sich schon als gewiß, als Glaube, Volksglaube oder als geschehenes, von Sage und Überlieferung fortgepflanztes Begebnis dem wesentlichen Gehalt nach für die Phantasie bestimmt ist. Zu diesem objektiv festgestellten Stoffe hat nun der Künstler das freiere Verhältnis, daß er nicht selber in den Prozeß des Zeugens und Gebärens eingeht und im Drange nach den echten Bedeutungen für die Kunst stehenbleibt, sondern daß für ihn ein anundfürsichseiender Inhalt daliegt, den er aufnimmt und frei aus sich reproduziert.
Die griechischen Künstler erhielten ihren Stoff aus der Volksreligion, in welcher sich bereits,
was vom Orient her den Griechen herübergekommen war, umzugestalten begonnen hatte;
Phidias nahm seinen Zeus aus Homer, und auch die Tragiker erfanden sich nicht den Grundinhalt, den sie darstellten.
Ebenso haben auch die christlichen Künstler, Dante, Raffael, nur das gestaltet, was schon in den Glaubenslehren und religiösen Vorstellungen vorhanden war.
Dies ist zwar bei der Kunst der Erhabenheit nach der einen Seite hin in ähnlicher Weise der Fall, doch mit dem Unterschiede, daß hier das Verhältnis zum Inhalt als der einen Substanz die Subjektivität nicht zu ihrem Rechte kommen läßt und ihr keine selbständige Beschlossenheit vergönnt. Die vergleichende Kunstform umgekehrt geht zwar aus der Wahl der Bedeutungen wie der gebrauchten Bilder hervor, diese Wahl jedoch bleibt der nur subjektiven Willkür überlassen und entbehrt ihrerseits wiederum der substantiellen Individualität, welche den Begriff der klassischen Kunst ausmacht und daher auch in dem hervorbringenden Subjekt liegen muß.

b) Je mehr aber für den Künstler ein anundfürsichseiender freier Inhalt in Volksglaube, Sage und sonstiger Wirklichkeit als vorhanden vorliegt, um desto mehr konzentriert er sich auf die Tätigkeit, die solchem Inhalt kongruente äußere Kunsterscheinung zu gestalten.
Während sich nun in dieser Beziehung die symbolische Kunst in tausend Formen umherwirft,
ohne die schlechthin gemäße treffen zu können, und mit ausschweifender Einbildungskraft ohne Maß und Bestimmung umhergreift, um der gesuchten Bedeutung die immer fremdbleibenden Gestalten anzupassen, ist der klassische Künstler auch hierin in sich beschlossen und begrenzt.
Mit dem Inhalt nämlich ist hier auch die freie Gestalt durch den Inhalt selbst bestimmt und demselben an und für sich angehörig, so daß der Künstler nur zu exekutieren scheint,
was schon für sich dem Begriff nach fertig ist.
Wenn der symbolische Künstler daher der Bedeutung die Gestalt oder diese jener einzubilden strebt, so bildet der klassische die Bedeutung zur Gestalt um, indem er die schon vorhandenen äußeren Erscheinungen nur gleichsam von ihrem ungehörigen Beiwesen befreit.
In dieser Tätigkeit aber, obschon seine bloße Willkür ausgeschlossen ist, bildet er nicht nur nach oder bleibt in einem starren Typus stehen, sondern ist zugleich für das Ganze fortbildend.
Die Kunst, die ihren wahren Gehalt erst suchen und erfinden muß, vernachlässigt noch die Seite der Form; wo aber die Bildung der Form zum wesentlichen Interesse und zur eigentlichen Aufgabe gemacht wird, da bildet sich mit den Fortschritten der Darstellung auch der Inhalt unmerklich und unscheinbar fort, wie wir überhaupt Form und Inhalt bisher in ihrer Vervollkommnung stets haben Hand in Hand gehen sehen. In dieser Rücksicht arbeitet der klassische Künstler auch für eine vorhandene Welt der Religion, deren gegebene Stoffe und mythologische Vorstellungen er im freien Spiele der Kunst heiter fortentwickelt.

c) Dasselbe gilt von der technischen Seite. Auch sie muß für den klassischen Künstler bereits fertig sein, das sinnliche Material, in welchem der Künstler arbeitet, muß sich schon aller Sprödigkeit und Härte entäußert haben und den künstlerischen Intentionen unmittelbar gehorchen, damit der Inhalt, dem Begriffe des Klassischen gemäß, frei und ungehindert auch durch diese äußere Leiblichkeit hindurchscheinen könne.
Zur klassischen Kunst gehört deshalb schon eine hohe Stufe technischer Geschicklichkeit,
welche sich den sinnlichen Stoff zu willigem Gehorsam untertan gemacht hat.
Eine solche technische Vollendung, wenn sie alles, was vom Geiste und seinen Konzeptionen verlangt wird, unmittelbar ausführen soll, setzt sich die vollständige Ausbildung alles Handwerksmäßigen in der Kunst voraus, das hauptsächlich innerhalb einer statarischen Religion zustande kommt.
Die religiöse Anschauung, wie die ägyptische z. B., erfindet sich dann nämlich bestimmte äußere Gestalten, Idole, kolossale Konstruktionen, deren Typus fest bleibt und nun bei der herkömmlichen Gleichheit der Formen und Figuren für die stets wachsende Fertigkeit einen breiten Spielraum der Fortbildung gibt.
Dies Handwerksmäßige am Schlechteren und Fratzenhaften muß schon vorhanden sein, ehe der Genius der klassischen Schönheit sich die mechanische Geschicklichkeit zur technischen Vollendung umgestaltet. Denn erst wenn das Mechanische für sich keine Schwierigkeit mehr in den Weg stellt, kann die Kunst frei auf die Bildung der Form gehen, wobei sodann die wirkliche Ausübung zugleich eine Fortbildung ist, welche mit dem Vorschreiten des Inhalts und der Form in engem Verhältnis steht.

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Die griechischen Künstler erhielten ihren Stoff aus der Volksreligion, in welcher sich bereits,
was vom Orient her den Griechen herübergekommen war, umzugestalten begonnen hatte;
Phidias nahm seinen Zeus aus Homer, und auch die Tragiker erfanden sich nicht den Grundinhalt, den sie darstellten.
Ebenso haben auch die christlichen Künstler, Dante, Raffael, nur das gestaltet, was schon in den Glaubenslehren und religiösen Vorstellungen vorhanden war.   >>>

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Wissenschaft der Logik.
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